Ein Rückblick auf den Frauenstreik in Zürich

Wenn wir streiken steht die Welt still…

Frauen auf der ganzen Welt sind in Bewegung: Ob der Frauenstreik am 8. März 2018 in Spanien, an dem sich um die 6 Millionen Frauen beteiligten, der „Ni Una Menos“ („Nicht eine weniger“) Bewegung in Argentinien, den Protesten gegen die vorherrschenden Abtreibungsgesetze in Polen oder hier in der BRD, wo viele neue Bündnisse entstehen, um den 8. März wieder zu einem Kampftag für Frauen zu machen. Auch Frauen in der Schweiz sind in Bewegung, so fand am Freitag, den 14. Juni, der erste große Frauenstreik seit 1991 statt. Frauen schlossen sich zusammen und ergriffen die Initiative. Verschiedenste Initiativen und auch die Gewerkschaften kamen so zusammen, um den Streik zu organisieren. Am Tag selbst waren hunderttausende Frauen auf der Straße, beteiligten sich an Aktionen und Demonstrationen und trugen ihre Forderungen lautstark in die Öffentlichkeit.

Wenn wir auch in Stuttgart eine derartige Bewegung aufbauen wollen, liegt es nahe, dass wir uns die Kämpfe in anderen Ländern genauer anschauen, um aus ihnen zu lernen und Ansätze für unsere eigene Praxis zu entwickeln. Also sind wir – als Aktionsbündnis 8. März – am 14. Juni zum Streik nach Zürich gefahren. Nun möchten wir unsere Erfahrungen einordnen und uns mit ganz konkreten Fragen dazu auseinandersetzen: Konnten die Frauen sowohl die unbezahlte Arbeit, als auch die bezahlte Lohnarbeit niederlegen? Welchen politischen Ausdruck hatte der Tag? Und mit welchen Mitteln wurden die Inhalte auf die Straße getragen?

Warum überhaupt ein Frauenstreik?

Die Realität ist: Wir Frauen werden noch immer unterdrückt, abgewertet und ausgebeutet – und das gleich auf doppelte Art und Weise.

Zum einen sind es vor allem Frauen,die in verhältnismäßig niedrig bezahlten Arbeitsverhältnissen sind. Diese Arbeitsverhältnisse entsprechen zudem meist der Reproduktionsrolle: Im Sozial- und Erziehungsdienst, in der Pflege, dem Einzelhandel, dem Sekretärswesen oder der Reinigungsbranche.

Und zum anderen sind es überwiegend Frauen, die die gänzlich unbezahlte Reproduktionsarbeit Zuhause leisten: Die Pflege von Kindern und anderen Familienangehörigen sowie die Übernahme haushaltlicher Aufgaben. Hinzu kommen dann noch der alltägliche Sexismus und körperliche Übergriffe.

Der Streik ist schon lange ein wirksames Mittel um Veränderung durchzusetzen. Ein Streik geht über die bloße Meinungsbekundung hinaus, da durch das Niederlegen von Arbeit konkreter Schaden angerichtet werden kann. Beim klassischen Arbeitskampf richtet sich dies gegen den Arbeitgeber – weniger Profite –, beim Frauenstreik hingegen sollen all diejenigen getroffen werden, die von der doppelten Unterdrückung der Frau profitieren: nach der Lohnarbeit folgt nämlich für nicht wenige Frauen Putzen, Wäschewaschen, Kochen, Kindererziehung, Zärtlichkeiten dem Partner zu kommen lassen, die Pflege von Familienangehörigen und noch vieles mehr. All dies ist Teil der gesellschaftlichen Realität mit geschlechtsbezogenen Rollenbildern.

Die Unterdrückung der Frau kommt nicht von irgendwo her, sie bildet eine der festen Säulen des kapitalistischen Systems,in dem wir leben.

Dementsprechend liegt eine undenkbare Kraft darin, wenn Frauen sich zusammenschließen, um ihre Arbeit niederzulegen und zu streiken. Der Frauenstreik bietet die Möglichkeit, die unterschiedlichen Facetten der Unterdrückung der Frau miteinander zu verbinden. So müssen wir nicht allein die Lohnarbeit bestreiken, sondern zudem die Arbeit in unserer Freizeit, im sogenannten Privaten, in den Streik integrieren.

Unsere Fahrt in die Schweiz

Dass Frauen beginnen sich zusammen zu schließen ist eine notwendige Grundlage für einen Frauenstreik. Hierbei erachten wir es als eines der zentralsten Elemente, alle doppelt unterdrückten Frauen einzubeziehen und nicht nur Frauen aus der linken Szene. Wir haben daher bei den vorangegangenen Streiks im Einzelhandel für die Fahrt mobilisiert und mit den Streikenden diskutiert; auch wurde die Mobilisierung von ver.di bei den Streikversammlungen thematisiert und mit dem aktuellen Arbeitskampf verknüpft.

Der Fahrt in die Schweiz haben sich viele verschiedene Frauen angeschlossen. Von Seniorinnen, jungen interessierten Frauen, Streikenden aus dem Einzelhandel, bis hin zu Aktivistinnen aus antifaschistischen und antimilitaristischen Bereichen.

Am Tag selbst gab es unterschiedlichste Aktionen und Aktionsformen. Aus dem Zusammenspiel eben dieser ergab sich ein rundes Gesamtbild: Über den Vormittag nahmen sich Studentinnen den öffentlichen Raum vor Bildungsinstitutionen, am Mittag wurden Arbeitnehmerinnen kreative Mittagspausen verschafft und ab Nachmittag kamen alle Frauen zusammen, um die Reproduktionsarbeit nach „Feierabend“ zu bestreiken. So wurde versucht den unterschiedlichen Lebenssituationen möglichst gerecht zu werden und diese mit dem Frauenstreik zu verknüpfen.

Ein aus unserer Sicht eindrucksreiches Format war eine Blockade in der Innenstadt. Um die Mittagszeit versammelten sich hunderte Frauen und blockierten eine der zentralsten Straßenkreuzungen Zürichs. Die Besetzung des Platzes, welcher einen wichtigen Knotenpunkt für den Verkehr darstellt, legte einen großen Teil des Stadtverkehrs erst einmal lahm. Gerade das Blockieren des öffentlichen Nahverkehrs, aber auch des Straßenverkehrs, war ein großer Eingriff in das Alltagsgeschehen der Stadt und störte dieses massiv. Dadurch erregten die Frauen viel Aufmerksamkeit. Die Aktion war zudem sehr anschlussfähig. Unterschiedlichste Frauen – ob jung oder alt, vermummt oder unvermummt – nahmen Teil, waren solidarisch miteinander und alle konnten sich aktiv einbringen. Abgegrenzt wurde der Platz von innen heraus mit verketteten Einkaufswägen, in welchen nebenbei Essen zubereitet und gegrillt wurde. Riesige Banner prägten das Stadtbild und verliehen dem Ganzen einen politischen Ausdruck.

(Hier findet ihr einen Bericht des revolutionären Frauenkollektivs dazu)

Ein weiterer für uns interessanter Aspekt war die Massenmobilisierung zur Großdemo. Bereits vorher gab es mehrere unangemeldete Demonstrationen aus verschiedenen Richtungen, die in einem Sternmarsch zum Auftakt um 17:00 Uhr führten. Auf jeder Route waren mehrere tausend bis zehntausend Frauen. Zum Start der Großdemo war der Stadtkern Zürichs voll mit Frauen. In der Stadt Zürich leben rund 400.000 Menschen, knapp die Hälfte davon war auf der Straße. Viele Frauen aus dem Umland sind zudem angereist, um sich am Streik zu beteiligen. Durch die Masse an Frauen auf der Straße war der Frauenstreik überall präsent und die Kraft dahinter wurde sichtbar.

Gleichzeitig glich die Stimmung der massenhaften Proteste einem großen Event und es war teilweise wenig bis kein politischer Ausdruck zu sehen. Gerade am Ende des Tages bei der zentralen Demonstration wurde das deutlich. Anstatt einen klaren Bezug zur doppelten Unterdrückung lohnabhängiger Frauen herzustellen und diesen Kampf – mit Parolen, Schildern, Fahnen oder anders – zum Ausdruck zu bringen, prägten immer wieder Partymusik und Sektgläser das Protestbild.

Deutlich wird also, dass es bei einer so großen Masse an Menschen nicht gerade leicht ist, politische Inhalte gut zu platzieren und präsent zu machen. Allerdings zeigt sich, was Frauen für eine Dynamik entfachen können, und, dass viele Frauen genug davon haben, die herrschenden Verhältnisse länger schweigend zu akzeptieren. Und auch wenn wir in Stuttgart 2020 (noch) keine Massenproteste wie in Spanien oder der Schweiz erwarten, so können wir als Aktionsbündnis doch einiges aus dieser Erfahrung mitnehmen.

Der Frauenstreik in der Schweiz hat außerdem gezeigt, dass es in riesigen Massenmobilisierungen möglich ist, antikapitalistische und auch revolutionäre Inhalte zu platzieren. So hat das revolutionäre Frauenstreikkollektiv zu der Blockade, aber auch zu anderen Aktionen aufgerufen. Eine davon war ein Besuch bei den Verkäuferinnen der Lebensmittelkette „Migros“. Das Unternehmen ist bekannt für besonders prekäre Arbeitsbedingungen. Die Verkäuferinnen wurden in einer der Filialen besucht, die Kassen durch Transparente blockiert und es wurde über das Unternehmen informiert. Parallel dazu wurde das Institut „Credit Suisse“, ein Finanzinstitut welches den Krieg in Rojava mitfinanziert, besucht.

Das Kollektiv mobilisierte außerdem mit einer gemeinsamen Spontandemonstration zur Großdemo, welche auf dem Weg durch die Bahnhofshalle an dem Gastronomie-Unternehmen „Canadrian Catering“ vorbeiführte. Auch hier wurde auf die besonders schlechten Arbeitsbedingungen aufmerksam gemacht. Die Aktionen des revolutionären Frauenstreikkollektivs waren ein fester Bestandteil des Frauenstreiktags. Viele Frauen konnten daran teilnehmen und die Aktionen waren so platziert, dass sie auch öffentlich wahrgenommen oder von der Presse aufgegriffen wurden. So konnte – trotz Massenmobilisierung – ein klarer Bezug zu lohnabhängigen Frauen als zentralen Bestandteil des Klassenkampfes hergestellt werden und revolutionäre Inhalte fanden ihren Platz.

Wie wird es weiter gehen?

Auch in Deutschland bewegt sich etwas und das Thema Frauenstreik kommt mehr und mehr auf. Bei einem politischen Frauenbrunch am 14. Juli ab 10:00 Uhr wollen wir uns zusammensetzen und diskutieren: Was stellen wir uns eigentlich unter dem 8. März 2020 vor? Und welcher Rolle kommt Frauenstreik dabei zu?

Einer von hoffentlich vielen Schritten auf diesem Weg soll eine Aktionskonferenz Ende September sein.

So wie wir international von Kämpfen lernen ist es ebenso wichtig, sich bundesweit auszutauschen.

Das nächste bundesweite Treffen zum Frauen*streik wird vom 13. bis zum 15. September stattfinden. Auch dort wollen wir uns als Aktionsbündnis beteiligen und uns anschauen, was bereits erarbeitet wurde.

Denn es liegt an uns, an die Kämpfe in anderen Ländern anzuknüpfen und auch in Stuttgart unseren Teil für eine kämpferische Frauenbewegung beizutragen!