Frauen*kämpferische Aktion zu den Tarifverhandlungen im öffentlichen Dienst

Weiblich, systemrelevant, ausgebeutet – das ist der öffentliche Dienst.

Anlässlich der momentanen Tarifverhandlungen im öffentlichen Dienst äußerten am Montag, dem 14.09.2020, um die 20 Frauen* in Stuttgart ihren Protest gegen die blockierende Haltung der Vereinigung der Kommunalen Arbeitgeber (VKA) in den derzeitigen Tarifverhandlungen.

Schon zu Beginn der Verhandlungen im öffentlichen Dienst zeigte sich der Arbeitgeberverband nicht verhandlungsbereit: Statt auf die Forderungen von Ver.di – eine Lohnerhöhung von 4,5 Prozent und mindestens 150 Euro mehr – einzugehen, mauert die VKA.

Wir beschlossen daher: Wir mauern zurück! Um uns mit den Frauen im öffentlichen Dienst zu solidarisieren und die starre Haltung der Arbeitgeber anzugreifen, haben wir das Büro des Ersten Bürgermeisters Fabian Mayer, einem Vorstandsmitglied des Kommunalen Arbeitgeberverbandes in Baden-Württemberg, im Stuttgarter Rathaus symbolisch zugemauert. Auf der Mauer und im gesamten Rathaus wurde mit vorbereiteten beschrifteten Zetteln auf die desaströsen Arbeitsbedingungen wie Personalmangel, hohe körperliche und psychische Belastung, Teilzeit und zu geringe Bezahlungen aufmerksam gemacht.

Zusätzlich wurde das erste Stockwerk im Rathaus in das „Stockwerk für die Bedürfnisse und Rechte von Frauen*“ umbenannt. Als Frauen* werden wir bis heute auf verschiedene Weise unterdrückt und ausgebeutet. Unter anderem sind schlechter bezahlte Jobs und doppelt so viel unbezahlte Hausarbeit als Männer gesellschaftliche Ursachen von Frauen*armut. Wir fordern nicht nur mehr Gleichberechtigung von Frauen*, sondern nehmen uns auch den Raum, der nicht ausreichend vorhanden ist – in diesem Fall mit einer symbolischen Stockwerkumbenennung.

Um nicht nur im Rathaus, sondern auch in der Öffentlichkeit unser Anliegen sichtbar zu machen, gab es zum Abschluss der Aktion noch eine Rede vor dem Rathaus begleitet von einer Banner-Aktion und Flyern für Passant*innen.

Warum kämpfen wir für eine Aufwertung des öffentlichen Dienstes?

Die aktuellen Verhandlungen zwischen der VKA und der Gewerkschaft ver.di lassen zu Tage treten, was hinter dem Applaus für „systemrelevante Berufe“ steckt: Nicht mehr als leere Worte und symbolische Gesten. Doch wir wollen mehr: mehr Personal, um die Arbeit besser und kollegial umsetzen zu können; mehr Lohn, um von unserer Arbeit leben zu können; mehr Zeit für uns, unsere Hobbys und unsere politische Einmischung. Im Gegensatz dazu machen die Arbeitgeber deutlich, dass sie die Coronapandemie auf Kosten der Beschäftigten ausnutzen wollen. Statt nach dem Applaus ein annehmbares Angebot zu machen, bezeichnen sie die Forderung der Gewerkschaft als überzogen und verweisen auf leere Kassen.

Wir erinnern uns: Während der Coronapandemie hatte der Staat noch Geld, um Unternehmen mit Kurzarbeitergeld und der Übernahme von Sozialabgaben unter die Arme zu greifen, während diese gleichzeitig Boni und Dividenden an ihre Aktionäre ausschütten. Andererseits soll für uns Beschäftigte im öffentlichen Dienst nun nichts zur Verfügung stehen?! Für Unternehmen und deren Aktionäre ist also Geld da; für die Beschäftigten, die dazu beitragen, dass unsere Gesellschaft am Laufen bleibt, jedoch nicht!

Das nennt sich kapitalistisches Krisenmanagement – und damit werden wir uns nicht abspeisen lassen.

Für einen klassenbewussten Frauen*streik!

Wir unterstützen also die Forderungen der Beschäftigten im öffentlichen Dienst! Ihre Jobs sind gekennzeichnet von schlechten Arbeitsbedingungen, Personalmangel, Überlastung und niedrigen Löhnen.

Wir verbinden diesen aktuellen Kampf mit unserem Kampf um die Gleichberechtigung der Frau*. Gerade im Sozial- und Erziehungswesen, der Pflege, der Hauswirtschaft und der Reinigungsbranche arbeiten rund 80 Prozent Frauen*, welche unter konstantem Stress harte Arbeit leisten, dafür aber nur unzureichende materielle Wertschätzung erhalten. Wir Frauen* sind es, die die Gesellschaft am Laufen halten – als Mitarbeiterin* im öffentlichen Dienst sowie als Ehefrauen, Mütter, Schwestern oder Töchter.

Die Tatsache, dass all unsere Arbeit schlecht oder gar nicht entlohnt wird, ist kein Zufall. Der Grund dafür liegt in der patriarchalen Gesellschaft und dem kapitalistischen System. Unsere Kämpfe werden daher über die Tarifverhandlungen hinaus gehen und die gesellschaftlichen Verhältnisse grundsätzlich in Frage stellen. Einen Anfang dazu bietet uns die Idee des Frauen*streiks, denn durch diesen zeigt sich: Ohne uns läuft nichts!

Wenn du auch für die Selbstbestimmung und Gleichberechtigung von Frauen* sowie für gesellschaftliche Verhältnisse aktiv werden willst, in denen Geschlecht, Alter oder Herkunft keine Rolle spielen, dann komme zu unseren Treffen an jedem ersten und dritten Mittwoch im Monat um 18:30 Uhr im Gewerkschaftshaus in Stuttgart.

Hier findet ihr unsere Frauen*streikzeitung:
„Weiblich. Systemrelevant. Ausgebeutet.
Das ist der öffentliche Dienst“

 

Auch in München haben Frauen* vom „Offenen Frauen*treffen München“ eine Kundgebung vor dem Büro des dortigen Kommunalen Arbeitgeberverbandes organisiert. Hier findet ihr einen Bericht zu ihrer Kundgebung.