Statement: Gewalt gegen Frauen* ist Alltag

Hier findet ihr ein längeres Statement, in dem wir Gewalt gegen Frauen* in die gesellschaftlichen Verhältnisse einordnen…

Triggerwarnung: In diesem Text geht es um Gewalt gegen Frauen*. Besonders der Abschnitt „So sieht die Realität aus…“ beinhaltet konkrete Schilderungen zu Gewalt. Für betroffene Frauen* können diese Schilderungen belastend sein oder Flashbacks auslösen. Bitte überlege dir, ob du diesen Abschnitt lesen möchtest und achte auf dich.

 

Gewalt an Frauen* ist Alltag – We fight back!

Weltweit lassen sich Frauen* die Gewalt, die ihnen widerfährt, nicht länger bieten und schließen sich zusammen! So streikten vergangenen 8. März hunderttausende Frauen in Mexiko Stadt, um gegen den Machismo, der täglich 10 Frauen* dort in den Tod führt, anzugehen. Diesen September haben sie außerdem für mehrere Wochen die Menschenrechtskommission besetzt, um gegen die Untätigkeit der Behörde bei sexualisierter Gewalt, dem Verschwinden sowie Morden an Frauen* zu protestieren. In Indien haben sich Frauen* zusammengeschlossen, um sich gegen die alltäglichen Vergewaltigungen zur Wehr zu setzen. Sie heißen Pink Sari, tragen dementsprechende Kleidung und pinke Knüppel, um sich selbst und andere Frauen* verteidigen zu können. In Spanien organisieren sich Frauen* in Stadtvierteln, um sich gegenseitig vor sexualisierten Übergriffen zu schützen und Männer, die wiederholt durch solche Übergriffe aufgefallen sind, anzuprangern. Die zur Zeit wahrscheinlich bekannteste Bewegung gegen Gewalt an Frauen* „Ni una menos“ (Nicht eine weniger) verbreitet sich seit Juni 2015 von Argentinien über die gesamte Welt. In zahlreichen lateinamerikanischen Ländern trugen unter diesem Motto hunderttausende Frauen* riesige Proteste gegen Gewalt an Frauen* auf die Straße. All diese Beispiele zeigen uns, was möglich ist, wenn wir uns zusammenschließen – gemeinsam und organisiert können wir uns gegen die Gewalt wehren! Gründe dafür gibt es weltweit und hier genug.

So sieht die Realität aus…

Die Fakten sprechen für sich: Gewalt gegen Frauen* ist kein Phänomen bestimmter sozialer Schichten oder gar Kulturen. Gewalt gegen Frauen* ist kein Einzelfall, sondern hat in unserer Gesellschaft System:

Häufiger als jeden 2. Tag wird eine Frau* in Deutschland durch ihren (Ex-)Partner ermordet. Allein in diesem Jahr sind schon 144 Frauen* gestorben (Stand September 2020). Sowohl die Frauen*, als auch die Täter, welche in dieser Statistik erfasst sind, sind unterschiedlichster sozialer, ethnischer und kultureller Herkunft. Diese Morde nennt man Femizid. Sie sind keine Beziehungstat, kein Familiendrama und haben nichts mit Leidenschaft zu tun – es sind Morde an Frauen*, weil sie Frauen* sind. Femizide sind meist die Zuspitzung einer vorausgegangenen Gewaltspirale. Jede dritte Frau* in Deutschland erfährt mindestens einmal in ihrem Leben körperliche und/oder sexualisierte Gewalt. Darüber hinaus gehört sexuelle Belästigung für beinahe jede Frau* zum Alltag. Zu diesen „sichtbaren“ Formen kommt noch psychische Gewalt, wie Stalking, Kontrolle und Fremdbestimmung der Lebensgestaltung, permanente Abwertung, Bedrohung und Manipulation hinzu.

Außerdem gibt es kaum einen Raum oder Ort, der frei von Gewalt gegen Frauen* ist: Der Arbeitsplatz, öffentliche Verkehrsmittel, die Straße, das Party- und Nachtleben, das Internet insbesondere soziale Medien und auch das eigene Zuhause. Damit geht einher, dass die Täter unterschiedlichste Beziehungen zu der Betroffenen haben. Am häufigsten sind es (Ex-)Partner. Es können auch der Vater, der Bruder, der Nachbar oder jemand völlig Fremdes sein. Fast immer kommt der Täter aber aus dem nahen Umfeld der Frau* und fast immer gibt es keine Konsequenzen für ihn.

Der Täter im System: Patriarchat und Kapitalismus

In unserer Gesellschaft üben Männer bewusst und unbewusst Druck auf Frauen* aus. Sei es bezüglich ihrer Lebensgestaltung, ihrem Kleidungsstil, ihren Eigenschaften als Mutter oder „Hausfrau“, bis hin zu der Erzwingung von Intimitäten oder Sex. Dieser Kontroll- und Besitzanspruch reicht von tyrannisierenden Kommentaren bis hin zu Drohungen, Schlägen und Vergewaltigungen. Ziel des Ganzen? Die Frau* soll das tun, was der Mann will. Die Eigenständigkeit und die ganze Persönlichkeit einer Frau* wird nicht anerkannt. Die Frau* wird nicht als selbstbestimmtes Individuum gesehen, sondern als Objekt, dass dazu da ist, männliche Bedürfnisse zu erfüllen.

Wenn wir sagen, dass Gewalt gegen Frauen* System hat, sollten wir über die Täter, aber auch über die gesellschaftlichen Verhältnisse sprechen, in denen wir leben. Täter sind Männer. Mittäter sind der Staat, die Medien, die Öffentlichkeit, Arbeitgeber oder die Jusitz. Sämtliche Ebenen unserer Gesellschaft verfestigen männliche Privilegien, durch die Gewalt gegen Frauen* bagatellisiert und legitimiert wird. Wieso wird bei einem Frauenmord verharmlosend von einer Tragödie oder einem Familiendrama gesprochen? Wieso wird Gewalt gegen Frauen* mit Sätzen wie „Ja, wenn die mit einem so kurzem Rock rumläuft“ gerechtfertigt? Wie kommt Mann darauf, einen „Besitzanspruch“ gegenüber einer Frau* zu haben oder auch nur über ein Detail ihres Lebens bestimmen zu können? Warum müssen Frauen* meist mehrmals Gewalterfahrungen ansprechen bis ihnen zugehört oder geglaubt wird?Wieso gibt es so wenig Hilfsangebote für betroffene Frauen*? Wieso gibt es kein Geld für ausreichend Frauenhausplätze? Warum gibt es keinen Wohnraum, den alleinerziehende Frauen* sich leisten können? Warum sind Frauen* bis heute ökonomisch von ihren Partnern abhängig?

Das patriarchale-kapitalistische System, in dem wir leben, charakterisiert sich durch Frauen*ausbeutung und -unterdrückung. Männer verfügen bis heute über mehr Macht und mehr finanzielle Mittel als Frauen. Dies ist jedoch nicht natürlich gegeben, sondern über Jahrhunderte gewachsen.

Das Zusammenwirken von Kapitalismus und Patriarchat dauert nun mehr als ein Jahrhundert an. Der Charakter hat sich über die Jahrzehnte hinweg zwar hier und da gewandelt, aber das sollte nicht darüber hinweg täuschen, dass die Ausbeutung und Unterdrückung der Frau* bis heute besteht. Die gesellschaftlichen Verhältnisse sind von Menschen gemacht, bzw. wir selbst sind Teil der Gesellschaft. Es ist daher auch möglich, diese Verhältnisse zu verändern. Wenn wir wollen, dass sich etwas ändert, dürfen wir nicht darauf warten, dass dies jemand für uns tut. Wir können uns auf niemanden verlassen, außer auf uns selbst. Wir müssen selbst Initiative ergreifen.

Wir kämpfen gegen Gewalt an Frauen*

Frauen* haben in der Geschichte und auf der ganzen Welt gezeigt, dass sich Kämpfen lohnt: das Frauen*wahlrecht, der Aufbau von autonomen Frauen*häusern, Frauen*gesundheitszentren oder Selbsthilfegruppen wie Wildwasser. Alles Errungenschaften, die aus feministischen Basisbewegungen hervorgegangen sind. Veränderungen sind also möglich. Wir wollen allerdings nicht bei diesen Errungenschaften stehen bleiben, sondern an diesen anknüpfen und weiterkämpfen. Wir kämpfen für weitere Unterstützungsangebote für von Gewalt betroffene Frauen*, gegen den alltäglichen Sexismus und außerdem für alles, was uns ein unabhängiges und selbstbestimmtes Leben ermöglicht – von bezahlbarem Wohnraum bis hin zu höheren Löhnen.

Wenn Gewalt gegen Frauen* Teil des patriarchal-kapitalistischen Systems ist, kämpfen wir auch gegen dieses System als Gesamtes. Wir können die systematische Gewalt gegen Frauen* nur in einer Gesellschaft jenseits des Patriarchats und des Kapitalismus endgültig aufheben. Eine Gesellschaft, in der wir als Frauen* selbstbestimmt leben und unsere Persönlichkeit entfalten können, ist möglich. Eine Gesellschaft, in der wir uns keine Gedanken darüber machen müssen, ob wir nachts nach Hause laufen können oder lieber Taxi fahren sollten. Eine Gesellschaft, in der wir keine Angst haben müssen, in unserem eigenen Zuhause Opfer von Gewalt zu werden, und in der sich keine Frau* selbst schuldig fühlt, wenn sie Gewalt erfahren hat.

Das ist keine naive Träumerei. Es gibt schon heute reale Ansätze die ein befreites Leben für Frauen* und Männer umsetzen. In Rojava (Nordsyrien) müssen Frauen zu mindestens 40 Prozent in allen Räten, Gremien etc. vertreten sein. Darüber hinaus gibt es eine eigene Frauenverteidigungseinheit. Männer, die sich Frauen* gegenüber gewaltvoll verhalten, werden entsprechend bestraft und müssen sich von Frauen* feministisch weiterbilden lassen, um das Recht an gesellschaftlicher Teilhabe zurück zu erlangen.

Klar: In diesen befreiten Verhältnissen bewegen wir uns hier in Deutschland zur Zeit nicht. Doch wir können jetzt und hier anfangen, dafür zu kämpfen. Wir können es den Frauen* in Spanien gleich tun und uns zusammenschließen, um uns gegenseitig vor Übergriffen zu schützen. Wir können über die Gewalt aufklären, sie öffentlich machen, das Sprechen darüber enttabuisieren und durch große Proteste den öffentlichen Druck erhöhen. Wir können auf Hilfsangebote aufmerksam machen und diese unterstützen. Wir können uns selbst von patriarchalen Denkmustern und Verhaltensweisen loslösen. Der Frauen*streik ist ein weiteres, enormes Druckmittel um auf unsere Belange aufmerksam zu machen und spürbar zu machen, dass sich etwas ändern muss: Wenn Frauen* massenhaft ihre Arbeit niederlegen, führt das zu finanziellen und damit wirtschaftlichen Schäden sowie zu einer direkten Störung des patriarchalen Alltags.

Gemeinsam und organisiert können wir der systematischen Gewalt an Frauen*, die sich ganz individuell äußert, mit Macht entgegenstehen.

Frauen*, die kämpfen, sind Frauen*, die leben!