Bericht: „We fight back“ Demonstration zum Tag gegen Gewalt an Frauen

Am Mittwoch, dem 25.11.20, war der Internationale Tag gegen Gewalt an Frauen*. Nach unserer Kundgebung an diesem Tag fand am Samstag, dem 28.11.20, unsere Demonstration unter dem Motto „Gewalt an Frauen* ist Alltag – We fight back“ statt. Etwa 250 Frauen* machten mit einem lauten Demonstrationszug in der Stuttgarter Innenstadt klar, dass sie die tagtägliche Gewalt an Frauen* nicht unbeantwortet lassen. Parolen, Schilder, die durch angebrachte Lichterketten erleuchtet wurden, Fahnen und Transparente machten das Thema deutlich und gaben der Demonstration, an der fast nur Frauen* teilnahmen, einen kämpferischen Ausdruck.

Gründe für diese Demonstration trotz Corona gibt es leider genug. So ist die Zahl der Femizide 2020 im Vergleich zu 2019 gestiegen und mittlerweile wird häufiger als jeden 2. Tag eine Frau* in Deutschland durch ihren (Ex-)Partner ermordet. Der Femizid ist dabei der traurige Höhepunkt einer lang vorausgehenden Gewaltspirale, die Frauen* erleben mussten.

In verschiedenen Redebeiträgen wurden bei der Demonstration mehrere Facetten der Gewalt an Frauen* aufgezeigt. So sprach zu Beginn eine Vertreterin von Frauen helfen Frauen e. V., die seit über 20 Jahren in der Beratung für von Gewalt betroffenen Frauen* in Stuttgart tätig ist und einen Einblick in die Situation in Stuttgart gab. Außerdem gab es Reden von türkischen, kurdischen und chilenischen Frauen*, die jeweils auf die patriarchale Unterdrückung in diesen Ländern eingingen und schilderten, welche Wege die Frauen* dort gefunden haben, Widerstand zu organisieren.

Aktionen bei der Demo

Am Rande der Demonstration fanden außerdem zwei Aktionen statt. Beim Standesamt sind mehrere Frauen* aus dem Demonstrationszug ausgeschert und haben dort Plakate angebracht, auf denen Parolen standen wie: „Die meiste Gewalt an Frauen* findet im häuslichen Umfeld statt“ oder „Als Institution einer patriarchalen Gesellschaft fördert die Ehe die Abhängigkeit von Frauen*“

Die Ehe bedeutet nicht nur eine romantische Liebesbeziehung, sondern für viele Frauen* auch den Beginn von Abhängigkeiten sowie gewaltsamer Unterdrückung. Der Staat versucht mithilfe von Steuervergünstigungen die Ehe als Institution attraktiv zu gestalten und wirkt damit – trotz formaler Gleichstellung – bei der Unterdrückung der Frau* aktiv mit. Die häufigsten Fälle von Gewalt gegen Frauen* finden im nahen, persönlichen Umfeld der Frau* statt.

Die nächste Aktion fand an einem „Erotikkino“ statt, was einige Frauen* zum Anlass nahmen, um auf sexualisierte Gewalt gegen Frauen* in der Mainstream-Pornoindustrie aufmerksam zu machen. Das Kino wurde mit Schildern, auf denen unter anderem „Die Sexualisierung von Frauen* führt zu Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper, Essstörungen, depressiven Beschwerden und einem geringen Selbstwertgefühl“ oder „In den meisten Pornos wird Sex im Kontext von männlicher Dominanz und Unterwerfung gezeigt“ stand, gekennzeichnet. Eine Durchsage vom Lautsprecherwagen griff die frauen*unterdrückenden Zustände der Mainstream-Pornographie auf. Fast 90% der gefragtesten Pornos zeigen psychische und physische Gewalt an Frauen. So wird gelebte sexualisierte Gewalt legitimiert und normalisiert. Uns geht es nicht darum Sexualität völlig aus dem öffentlichen Leben zu verbannen. Vielmehr geht es uns darum, klar zu machen, dass die meisten beschäftigten Frauen* in dieser Industrie unter Druck gesetzt und häufig mit Gewalt konfrontiert werden. Hinzu kommt, dass in den meisten Pornos die weibliche Sexualität nicht existiert – die Frau* wird eher als Objekt dargestellt, an dem der Mann seine sexuellen Bedürfnisse auslebt.

Die Abschlusskundgebung wurde mit einer Erinnerung an all die Frauen eröffnet, die aufgrund ihres Geschlechts ermordet wurden. Mit einer Gedenkminute und Kerzen wurde auf sie aufmerksam gemacht. Dabei wurden die Morde als Femizide benannt, denn ihr Tod sind keine Einzelfälle und keine Liebesdramen. Anschließend wurde gemeinsam die Performance „Un violador en tu camino“ (Ein Vergewaltiger auf deinem Weg) getanzt. Dieser Tanz kommt von der chilenischen Frauen*gruppe Las Tesis, und wurde international von Frauen* übernommen. Der Tanz rückt nicht nur den Mann als Täter in den Fokus, sondern auch das Mitwirken des Staates, der Polizei oder der Justiz. Abschließend wurden Parolen gerufen, Bengalos gezündet und Tee ausgegeben um die Demonstration entspannt trotz Kälte ausklingen zu lassen.

Organisiert gegen Gewalt an Frauen*

Wir als Aktionsbündnis 8. März wollten mit unseren Aktivitäten rund um den Tag gegen Gewalt an Frauen* zeigen, dass wir als Frauen* gemeinsam gegen die Gewalt an Frauen* aktiv werden können. Das Motto „We fight back“ soll Frauen* ermutigen, sich gegen Gewalt zur Wehr zu setzen. Denn Kämpfen lohnt sich und es gibt auch zahlreiche Errungenschaften, die aus feministischen Basisbewegungen hervorgegangen sind. Das allgemeine Frauenwahlrecht oder der Aufbau von Frauen*häusern sind nur zwei Beispiele. So zäh uns der Kampf gegen Gewalt und Unterdrückung von Frauen* manchmal erscheint: Wir bleiben dran. WE FIGHT BACK!

Wir werden an den Erfahrungen dieser Demonstration anknüpfen und freuen uns, dass sich trotz Corona Frauen* aus anderen Städten und Frauen*initiativen beteiligt haben. Nur wenn wir uns als Frauen* zusammenschließen, können wir auf lange Sicht etwas verändern.

Dies bezieht sich unter anderem auf tagespolitische Forderungen, wie den Ausbau von Frauen*hausplätzen und Frauen*beratungsstellen oder konkrete Maßnahmen gegen sexualisierte Übergriffe am Arbeitsplatz.

Da Gewalt gegen Frauen* keine isolierten Einzelfälle sind, sondern System haben, müssen wir auch die gesellschaftlichen Verhältnisse, die diese Gewalt akzeptieren und mittragen, bekämpfen. Das patriarchale, kapitalistische System macht sich die – schon Jahrhunderte zuvor existierende – Frauen*unterdrückung zu eigen, um Frauen* auszubeuten und zu unterwerfen. Dabei ist Gewalt gegen Frauen* ein Mittel, um diese Unterdrückung durchzusetzen.

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Komm‘ zu unseren offenen Treffen jeden ersten und dritten Mittwoch im Monat (Achtung: Im Moment finden sie wegen Corona online statt. Infos dazu schicken wir euch gerne zu. Wenn ihr Interesse habt, euch zu beteiligen, meldet euch unter: aktion-frauen[at]riseup.net