Statement: We strike back! Solidarität mit den Beschäftigten im Handel

Bleigewichte am Rettungsring? So bezeichnet der Handelsverband Baden-Württemberg (HBW) die Forderungen der Gewerkschaft Ver.di im den aktuellen Tarifauseinandersetzung im Einzel- und Versandhandel1. Der HBW verweist auf die Coronakrise, doch was er dabei nicht erwähnt: Trotz Krise hat der Einzelhandel im elften Jahr in Folge seinen Umsatz steigern können2. Anstatt die Beschäftigten, die während der Coronakrise einer besonderen Arbeitsbelastung ausgesetzt sind, zu entlasten, nutzen die Arbeitgeber die Krise für weitere Angriffe auf die Arbeitsrechte. Mit einer weiteren Ausdehnung entgrenzter, sogenannter flexibler Arbeitszeiten unter Androhung von Entlassungen wird aktuell beispielsweise bei den Modeketten H&M oder Zara die Belegschaft unter Druck gesetzt und gespalten. Besonders betroffen von diesem Angriff auf die Beschäftigten sind Mütter mit Sorgeverantwortung.

Wir, das Aktionsbündnis 8. März, solidarisieren uns mit den Beschäftigten im Einzelhandel und ihren Forderungen nach mehr Gehalt, sicheren Arbeitszeiten und der Allgemeinverbindlichkeit der Tarifverträge. Die Forderungen von Ver.di sind kein Bleigewicht am Rettungsring. Für viele Beschäftigte im Einzelhandel sind sie die notwendige Luft, um sich überhaupt noch über Wasser halten zu können!

Von den Ergebnissen der Tarifauseinandersetzung sind in der Mehrheit Frauen* betroffen. Über drei Viertel der Beschäftigten im Einzelhandel sind weiblich. Diese Tarifverhandlungen zeigen, dass es um mehr geht als einen höheren Stundenlohn. Der Einzelhandel ist eine Branche in der besonders deutlich wird, wie Arbeit von Frauen* rücksichtslos ausgebeutet wird, um die Profite großer Unternehmen zu steigern. Nicht zufällig sind die reichsten Deutschen die Aldi-Süd Erben Beate Heister und Karl Albrecht Junior und Dieter Schwarz, der Eigentümer der Schwarz Gruppe, zu der die Supermärkte Lidl und Kaufland gehören. Zusammen besitzen sie 79,3 Milliarden US-Dollar3.

Die Grundlage für diesen maßlosen Reichtum ist Arbeit zum Niedriglohn, erzwungene Teilzeit und Minijobs. Kein Wunder, dass 20% der Beschäftigten im Einzelhandel mit ihrem Gehalt nicht über die Runden kommt und über 88% Angst vor Altersarmut hat4. Viele Frauen* im Einzelhandel sind damit abhängig von ihren Partnern oder vom Staat. Alleine im Jahr 2019 beliefen sich die staatlichen Ausgaben für die Aufstockung niedriger Löhne durch das Jobcenter auf 9,4 Milliarden Euro5.

Der Handelsverband kalkuliert ganz bewusst damit, dass die Arbeit im Einzelhandel nicht zum Leben reicht. Im Jahr 2017 machte der Handelsverband unmissverständlich deutlich, dass eine Arbeitsstelle im Handel nicht ausreicht, um sich selbst zu versorgen: Altersarmut sei im Handel kein Problem, da in den „Haushalten zusätzlich ein Vollzeitverdiener vorhanden“ sei6.

Mit anderen Worten, wer im Einzelhandel arbeitet, braucht einen Vollzeitverdiener also einen Partner an seiner Seite. Deutlicher kann man nicht zum Ausdruck bringen, dass das System aus Niedriglohn und Minijobs, auf ein patriarchales Familienmodell angewiesen ist.

Frauen* arbeiten damit nicht nur zu Niedriglöhnen und unplanbaren Arbeitszeiten, sie sind in einer doppelten Abhängigkeit: abhängig von ihrem Arbeitgeber und ihrem Partner. Auch wenn Frauen* nicht Vollzeitverdienerinnen* sind, ist ihr Einkommen für die große Mehrheit der Familien unverzichtbar. Arbeitszeiterhebungen zeigen, dass in Partnerschaften Frauen* täglich länger arbeiten als Männer. Nur bekommen sie für den größten Teil der Arbeit – für die Hausarbeit, die Betreuung von Kindern und die Pflege von Angehörigen – keinen Lohn. Diese für jede Gesellschaft notwendigen Tätigkeiten sollen Frauen* also in ihrer freien Zeit, neben ihrer Lohnarbeit erledigen.

Der Druck auf Frauen* steigt immer weiter. Die aktuellen Angriffe auf die Beschäftigten im Einzelhandel zeigen, dass Frauen* immer mehr zwischen Familienarbeit und Lohnarbeit erdrückt werden. Teilzeitstellen bei flexibler also jederzeitigen Verfügbarkeit sind mit Familienarbeit nicht vereinbar. Kitas haben feste Öffnungszeiten, Mütter brauchen Planbarkeit! Frauen* haben Freizeit und eine Arbeit, die für ein selbständiges Leben reicht, verdient!

Es geht in dieser Tarifrunde also um viel mehr als 4,5% plus 45 Euro mehr Gehalt für alle Beschäftigen im Einzelhandel. Es geht um gerechte Verteilung des Reichtums, um das Ende von Arbeitsverhältnissen, die in Armut und Abhängigkeit führen und das Ende von Frauen*ausbeutung.

Der Handelsverband hat deutlich gemacht, dass er sich auf die Forderungen von Ver.di nicht einlassen will. Wir sagen deutlich, der Druck auf uns Frauen* ist unerträglich geworden: Es reicht! Gemeinsam können wir zurückschlagen und Druck auf die Arbeitgeber ausüben. Wir Frauen* lassen uns nicht spalten, wir stehen zusammen und kämpfen gegen Frauen*unterdrückung in der Familie, am Arbeitsplatz, überall!

1https://badenwuerttemberg.einzelhandel.de/de/news/245

2https://www.labournet.de/politik/gw/tarifpolitik/tarifrunde/tarifrunde-einzelhandel-2021-wird-sie-zum-tariflichen-rettungspaket/

3https://www.handelsblatt.com/unternehmen/management/forbes-liste-das-sind-die-reichsten-deutschen-2021/25730214.html

4https://handel-bawue.verdi.de/++file++60532a4df73ca5c6a071a1c1/download/EH%20BaW%C3%BC%203-21.pdf

5https://www.hartziv.org/news/20201022-milliarden-fuer-hartz-iv-aufstocke-niedrigloehne-sprengen-sozialstaat.html

6https://einzelhandel.de/presse/aktuellemeldungen/8828-einzelhandel-gutes-geld-f%C3%BCr-gute-arbeit