Bericht: Kinderwagen-Blockade gegen Arbeitszeitflexibilisierung

Kitas haben feste Öffnungszeiten, Mütter brauchen Planbarkeit!

Mit mehr als einem Dutzend Kinderwägen haben wir heute am 19. Juni 2021 den samstäglichen Shoppingbetrieb auf der Königstraße unterbrochen. Gemeinsam haben wir mit zahlreichen Frauen* und Streikenden aus dem Einzelhandel den Eingang zur Zara-Filiale in der Königstraße / Ecke Lange Straße blockiert und damit auf die mütterfeindlichen Bestrebungen zum Vorantreiben der Arbeitszeitflexibilisierung aufmerksam gemacht. Gleiche Missstände prangerten wir im Anschluss mit einer Durchsage und einem Kinderwagen-Flashmob außerdem vor einer H&M-Filiale auf der Königsstraße an.

Teilzeitstellen mit flexibler Verfügbarkeit sind mit Familienarbeit nicht vereinbar

Unter dem Vorwand von Gewinneinbußen während der Corona-Pandemie treiben Modeketten wie Zara und H&M derzeit Arbeitszeitflexibilisierungen zu ihren Gunsten voran. Sie erwarten von ihren Angestellten, dass diese ihre Arbeitskraft je nach Bedarf flexibel zur Verfügung stellen. Das ist jedoch nicht für alle einfach so umsetzbar. So sind besonders Frauen* davon betroffen, die sich um Kinder oder Angehörige kümmern müssen. Denn „flexible“ Arbeitszeiten ohne feste Schichten machen das Leben unplanbar. Flexibel sind sie nur für den Arbeitgeber, die Beschäftigten versetzen sie in einen dauerhaften Stress.

Corona-Pandemie als Vorwand

Bei ihren Sparmaßnahmen gehen Zara und H&M rücksichtslos mit ihren Beschäftigten um: Mit Aufhebungsverträgen werden derzeit diejenigen zur Kündigung gezwungen, die auf feste Schichtpläne und planbare Arbeitszeiten angewiesen sind. Kein Wunder, dass sich die Filial-Leitung durch unsere Aktion unter Druck sah und versuchte, unsere Aktion zu beenden. Dabei verzeichnete der Zara-Eigentümer Inditex dank eines Anstiegs des Online-Versandhandels um 77 Prozent auch im Krisenjahr 2020 einen Gewinn von 1,1 Milliarden Euro. Inditex-Eigentümer Amancio Ortega Gaonagilt ist zweitreichster Mann Europas. Darauf machten wir mit Plakaten aufmerksam, die wir an den Schaufenstern der Zara-Filiale anbrachten. Die Plakataktion findet derzeit im Rahmen einer Aktionsreihe der links-feministischen Südvernetzung in verschiedenen Städten Süddeutschlands statt.

Schlechte Beschäftigungsbedingungen im Einzelhandel

Mehr als 75 Prozent der Beschäftigten im Einzelhandel sind weiblich. Bei Modeketten wie Zara und H&M ist der Frauen*anteil mit mehr als 80 Prozent noch höher. Doch die Arbeit dort ist für viele Frauen* eine Armutsfalle. Der Lohn reicht häufig nicht zum Leben und führt direkt in die Altersarmut. Die Corona-Pandemie wird nun von den Unternehmen schamlos ausgenutzt, um die kargen Löhne weiter zu drücken, Beschäftigte zu entlassen und die Flexibilisierung zu ihrem Vorteil voranzutreiben.

Der Einzelhandel profitiert vom patriarchalen Familienmodell

Dieses schamlose Vorgehen seitens der Unternehmer zeigt sich auch in der aktuellen Tarifverhandlung im Einzelhandel. Die Arbeitgeber bewegen sich wieder einmal keinen Schritt in Richtung der Beschäftigten. Obwohl der Einzelhandel im elften Jahr in Folge seinen Umsatz steigern konnte, weisen sie die Forderung der Gewerkschaft Ver.di nach 4,5 Prozent plus 45 Euro mehr Lohn zurück. Dabei kalkuliert der Handelsverband ganz bewusst damit, dass die Arbeit im Einzelhandel nicht zum Leben reicht. Im Jahr 2017 machte er unmissverständlich deutlich, dass eine Arbeitsstelle im Handel nicht ausreicht, um sich selbst zu versorgen: Altersarmut sei im Handel kein Problem, da in den „Haushalten zusätzlich ein Vollzeitverdiener vorhanden“ sei.

Deutlicher kann man nicht zum Ausdruck bringen, dass das System aus Niedriglohn und Minijobs auf ein patriarchales Familienmodell angewiesen ist, in dem der Mann den Hauptlohn verdient und Frauen* nur als Zuverdienerinnen gelten.

Für eine Gesellschaft ohne Profitwahn

Die Situation im Einzelhandel zeigt uns wieder einmal, dass es in diesem kapitalistischen System nur darum geht, möglichst viel Profit zu machen. Wie es den Beschäftigten dabei geht, interessiert die Unternehmer nicht. So wollen auch Zara und Co. mit uns als Kundinnen Gewinne machen und beuten uns als Verkäuferinnen rücksichtslos aus.

Mit unserer Aktion haben wir deswegen heute gezeigt, dass wir Frauen* zusammen halten. Gemeinsam kämpfen wir für eine Gesellschaft, in der es um die Menschen und nicht um Profite geht und in der wir Frauen nicht ausgebeutet werden – weder in Familie, noch am Arbeitsplatz.

We strike back! Wer Mütter unter Druck setzt, bekommt es mit uns Frauen* zu tun!