Aktion zum Safe-Abortion-Day: Wir entscheiden selbst…

Anlässlich des internationalen Tag zur Entkriminalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen am 28. September planen wir eine Kundgebung am selben Tag um 17:30 Uhr am Schlossplatz. Gründe dafür gibt es genug:

Wusstest du zum Beispiel, dass es in Stuttgart und Umgebung nur noch drei Ärzt*innen gibt, die Abbrüche vornehmen? Diese drei sind bald in Rente; oder, dass du laut Gesetz eine Straftat begehst, wenn du dich für einen Schwangerschaftsabbruch entscheidest?

Alles ok, so wie es ist? Oder: Einige Hard-Facts

  • Innerhalb der ersten drei Monate wird eine Abtreibung in Deutschland nicht strafrechtlich verfolgt, illegal ist sie laut §218 trotzdem. Ab dem dritten Monat machen sich Ärzt*in und Schwangere strafbar.
  • In Stuttgart und Umgebung gibt es nur noch drei Ärzt*innen, die Abbrüche vornehmen. Diese drei sind bald in Rente.
  • Laut §219 ist es einer Ärzt*in verboten, auf ihrer Website über Schwangerschaftsabbrüche zu informieren.
  • Schwangerschaftsabbrüche sind meist kein Teil des Medizin-/Gynäkologiestudiums – und wenn dann meist nur hinsichtlich ethischer Fragen. Das heißt, für Frauenärzt*innen ist es sehr schwer, zeitgemäße und sichere Methoden des Abbruchs zu erlernen. 

Entstanden ist der Abtreibungsparagraf 218 im damaligen Deutschen Reich 1871. Damals sollte mit dem Verbot von Abtreibungen die Heeresgröße gesichert werden. Dieses bevölkerungspolitische Relikt besteht bis heute und spricht allen Frauen* ihre eigene und selbstbestimmte Entscheidung ab, Kinder zu bekommen oder nicht.

Eine Kriminalisierung hält Frauen* nicht davon ab, abzutreiben. Frauen* treiben ab – ob legal oder illegal. Die Frage ist, unter welchen Bedingungen das passiert. Heimlich in einem Hinterzimmer? Oder mit einer medizinisch sicheren Methode, unter Betreuung ausgebildeter Ärzt*innen und ohne zusätzlichen sozialen Druck?
In Ländern, in denen Abtreibungen legal sind, wie zum Beispiel Holland oder Kanada, wird deutlich weniger abgetrieben. Eine Legalisierung geht meist mit besserer sexueller Aufklärung, besserem Zugang zu Verhütungsmitteln und besseren Lebensumständen von jungen Familien einher.

Das Recht auf Selbstbestimmung – nur mit notwendigen Privilegien?!
Der Zugang zu Schwangerschaftsabbrüchen und die selbstbestimmte Entscheidung, Kinder zu bekommen, ist für einige Frauen allerdings besonders erschwert.
Abtreibungen kosten bis zu 570 Euro und müssen aus eigener Tasche gezahlt werden. Es sei denn frau weiß, dass sie einen Antrag auf Kostenübernahme stellen kann und dieser bewilligt wird. Natürlich fängt dies schon früher an – nämlich bei kostspieligen Verhütungsmitteln.

Hinzu kommt, dass nicht in jeder Stadt und an jedem Ort entsprechend ausgebildete Ärzt*innen niedergelassen sind. Ungewollt Schwangere müssen daher bis zu 200 Kilometer zur nächsten Praxis fahren. Der Zugang zu wichtigen rechtlichen, sozialen und medizinischen Informationen über Schwangerschaftsabbrüche ist massiv eingeschränkt

Das Recht auf Selbstbestimmung wird demnach nicht nur kriminalisiert, sondern ist auch eine Frage der gesellschaftlichen Stellung der Frau* – eine Frage der Klassenzugehörigkeit.

Der Kampf um Selbstbestimmung geht weiter!
Das Europaparlament hat Ende Juni 2021 einen Antrag zur Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen gestellt. Die meisten Parteien des Bundestags haben diesen abgelehnt und somit die Entkriminalisierung von Abtreibungen aktiv verhindert. Dieses Ergebnis zeigt erneut, dass wir uns in dem Kampf um sexuelle und reproduktive Gerechtigkeit nicht auf den Staat oder einzelne Parteien verlassen können.

Seit es die Kriminalisierung von Abtreibungen gibt, gibt es auch Widerstand dagegen. Zuletzt haben große Frauen*bewegungen in Argentinien eine teilweise Legalisierung von Abbrüchen erreicht. Diese werden dort nun auch von der Krankenkasse gezahlt und sind somit für alle Frauen* kostenfrei.

Wir müssen selbst aktiv werden – für eine ersatzlose Streichung der §218 und §219 und für vollumfängliche körperliche Selbstbestimmung!

Komm zur Kundgebung am 28.09.2021 um 17:30 am Schlossplatz (Stuttgart)