Kämpferische Kundgebung zum Safe Abortion Day

„Frauen die kämpfen, sind Frauen, die leben, lasst uns das System aus den Angeln heben!“

110 Menschen beteiligten sich an unserer Kundgebung am 28.09.2021 zum internationalen Tag zur Entkriminalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen mit einer anschließenden selbstbestimmten Aktion vor dem Stuttgarter Landtag. Dort hinterließen wir Absperrband sowie Schilder mit Parolen, warum die Paragraphen 218 und 219 abgeschafft werden müssen. Diese Schilder haben wir vorher unter Beteiligung aller Kundgebungsteilnehmer*innen beschriftet. Auch wenn die Paragraphen 218 und 219 Teil der Bundes- und nicht der Landespolitik sind, sitzen im Stuttgarter Landtag Repräsentant*innen verschiedener politischer Parteien, die dafür verantwortlich sind, dass diese Paragraphen bis heute bestehen!

Wir warten nicht auf die trägen Mühlen des Parlaments, sondern werden selber aktiv. 150 Jahre Paragraph 218 sind genug. Und die Gründe, weiter für körperliche Selbstbestimmung zu kämpfen sind zahlreich.

Flächendeckende Versorgung mit Schwangerschaftsabbrüchen in sozialistischen Ländern

Es folgte eine informative Rede von Monika Münch-Steinbuch. Sie arbeitete als Fachärztin in der Anästhesie im Klinikum Stuttgart und setzte sie sich als Personalrätin für ihre Kolleg*innen ein.

In ihrer Rede gab sie unter anderem einen zeitlichen Abriss, wie sich das Recht auf sichere Abtreibung in Deutschland gewandelt hat: während bereits Anfang des Jahrhunderts Frauen dafür kämpften, den wilhelminischen Paragrafen §218 abzuschaffen, verschärfte sich unter Hitler die Situation noch weiter. Während des dritten Reiches wurde Abtreibung unter Todesstrafe gestellt. Die Aufgabe der Frau* war es in den Augen der Faschisten, das deutsche Volk zu vermehren. Dies gipfelte in der Vergabe des Mutterkreuzes, welches einer Frau* nach 8 geborenen Kindern verliehen wurde.

Im Gegensatz dazu gab es in der DDR ein fortschrittliches Frauen*bild: „Die Gleichberechtigung der Frau in Ausbildung, Beruf, Ehe und Familie erfordert, dass die Frau über Schwangerschaft und deren Austragung selbst entscheiden kann.“ Abbrüche wurden als medizinische Versorgung gesehen, demnach waren sie kostenfrei und für alle Frauen* zugänglich. Zudem wurden Verhütungsmittel kostenlos verteilt. Ähnliche Freiheiten gab es auch in anderen sozialistischen Ländern wie der UdSSR oder in Kuba. Zuletzt erkämpfte die Frauen*bewegung in Argentinien eine Lockerung der Abtreibungspolitik.

Einer der häufigsten gynäkologischen Behandlungen wird nicht im Medizinstudium gelehrt

In einem Grußwort thematisierten Medizinstudent*innen aus Tübingen die unhaltbaren Zustände, die heute in Deutschland herrschen: Ein sicherer Abbruch ist noch immer kein Teil des Medizinstudiums. Weil wir noch weit von legalen und sicheren Zugang zu Schwangerschaftsabbrüchen entfernt sind, gründen sich an vielen Universitäten Gruppen wie das Kollektiv für Gesundheitsgerechtigkeit in Tübingen.

Unter anderem wird in freiwilligen Workshops an Papayas die sogenannte Absaugtechnik geübt.

Christliche Fundamentalistinnen und Nazis Hand in Hand

Die nächste Rede hielt eine Vertreterin des AABS (Antifaschistisches Aktionsbündis Stuttgart und Region). Sie thematisierte den fließenden Übergang von christlichen Fundamentalist*innen zu nationalsozialistischem, völkischem Gedankengut.

Unter dem Vorwand, Leben schützen zu wollen, sprechen AfD, die Identitäre Bewegung, Pro Life und religiöse Fundamentalist*innen Schwangeren das Recht auf Selbstbestimmung ab und wollen sie zu ungewollten Schwangerschaften und Geburten zwingen. Damit reduzieren sie Frauen* auf ihre Fähigkeit, zu gebären. Sie ignorieren bewusst, dass Frauen* auch eigenständige Menschen sind, die sehr wohl selbst entscheiden können, was für ihre Gesundheit und ihr Leben am besten ist. Sie betrachten Frauen* nicht als eigenständiges Individuum, sondern verlangen, dass wir uns als Frauen* der vermeintlich „natürlichen“ Rolle als Mutter und Hausfrau unterzuordnen haben. Die Frau* hat einzig zur Reproduktion und Erhaltung des Volkes zu dienen.

Abtreibungen lassen sich nicht verbieten – lediglich sichere Abtreibungen ohne gesundheitliche Risiken lassen sich verbieten. Abtreibungen lassen sich aber in ihrer Anzahl deutlich verringern, was sich in Ländern mit liberaler Abtreibungspolitik beobachten lässt: durch bessere sexuelle Aufklärung, verbesserter Vereinbarkeit von Beruf und Familie sowie dem flächendeckenden Zugang zu günstigen Verhütungsmitteln. In Ländern mit völliger Legalisierung wie Holland oder Frankreich wird deutlich weniger abgetrieben.

Frei ist nur, wer selbst über den einen Körper entscheiden kann!

Während sich der Staat und Abtreibungsgegner sich selbst als Lebensschützer beschreiben, ist es ihnen egal wie sich Mütter und ihre Kinder finanzieren und ob diese ein gutes Leben führen können: Wieso sind Kitas nicht gebührenfrei? Wieso gibt es mit dem Ehegattensplitting immer noch eine frauenfeindliche Steuerpolitik? Und wieso werden Berufe, in denen vor allem Frauen arbeiten, noch immer sehr viel schlechter bezahlt?

Wenn dem Staat das Leben der Kinder wirklich wichtig wäre, dann könnte er hier anfangen, das Leben, der Kinder, die bereits auf der Welt sind, zu verbessern. Im Kern geht es bei jedem Argument gegen Abtreibungen aber gar nicht um das ungeborene Kind, sondern nur darum, Frauen moralisch unter Druck zu setzen, ihre Selbstbestimmung in Frage zu stellen und sie auf ihre Gebärfähigkeit zu reduzieren.

Mit dem §218 versucht der Staat über unsere Körper zu bestimmen und drängt uns Frauen* in eine bestimmte gesellschaftliche Rolle: die Rolle der Mutter und die Rolle derjenigen, die diesem Staat neue Bürger:innen und Arbeitskräfte produzieren soll.

Die Frauen- und Kinderfeindlichkeit in der Politik hat System. In einer kapitalistischen Gesellschaft, die auf Profitmaximierung zielt, zählen nicht unsere Bedürfnisse, sondern nur Profite. Wir Frauen sollen die Arbeit leisten, die die Grundlage dafür ist, dass dieses System am Laufen bleibt, aber selbst nicht profitabel ist: Wir sollen Kinder gebären und erziehen, den Haushalt schmeißen und Kranke pflegen. Und das am besten umsonst oder schlecht bezahlt.

Die Paragrafen 218/219 sind Grund genug, für Selbstbestimmung auf die Straße zu gehen, aber unser Protest als Aktionsbündnis 8. März geht noch darüber hinaus: Wir sagen nicht nur Nein zum §218, wir sagen nicht nur Nein zu dieser Rolle, die Frauen in unserer Gesellschaft haben, wir sagen Nein zum diesem kapitalistischen System! Lasst uns gemeinsam für eine solidarische und feministische Gesellschaft kämpfen.

Du hast Lust mitzumachen? Wir treffen uns jeden 1. Mittwoch im Monat um 18:30 Uhr im Gewerkschaftshaus in Stuttgart, nähe Hauptbahnhof. Komm vorbei!